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Seine Hände können es noch

Martin Zumbach (84) ist einer der letzten Handwerker, die noch Drehorgeln bauen und restaurieren. Die Walzen, die Pfeifen bis hin zur letzten Schraube – alles macht er von Hand.

Von Wolf Meyer


Martin Zumbach präsentiert in seiner Werkstatt eine Drehorgelwalze. Bild: Stefan Kaiser (Baar, 21. Dezember 2016)

Woher diese innige Liebe zu dem altmodischen Instrument kommt, kann er selber nicht sagen. «Schon als Kind war ich völlig fasziniert von Drehorgeln», erzählt Martin Zumbach am Küchentisch seiner Wohnung in Baar. In der Zwischenkriegszeit waren Drehorgeln gross in Mode, später wurden sie von Grammofon und Radio verdrängt. «Drehorgeln sind mit ihren Walzen eigentlich Vorläufer der ersten Computer», erklärt Zumbach. Auf den Walzen der Orgel ist die Musik sozusagen «gespeichert». Metallene Stifte sind dort in das längliche Rund eingelassen, sie öffnen eine der Pfeifen, und der Luftdruck bringt diese zum Klingen. Wenn man die Walze gleichmässig dreht, öffnen die Stifte unterschiedliche Orgelpfeifen in komplexen Mustern und lassen so das Lied der jeweiligen Walze ertönen. «Es gibt nur an oder aus. Wie bei den ersten Lochcomputern», sagt Zumbach. Oder wie auch heute noch in der digitalen Technik.

Der 84-Jährige kennt seine Instrumente bis ins letzte Detail und arrangiert sogar die Noten für seine Walzen selber. Denn in den meisten Drehorgeln ist nicht genug Platz, um für jeden Ton eine Orgelpfeife zu bauen. Ein komplettes chromatisches Register ist deshalb selten vorhanden, und so muss Zumbach die Arrangements auf die jeweils vorhandenen Töne zuschneiden. «Da gibt es lauter spannende Kniffs, die sich akustischer Illusionen bedienen», verrät er. So lässt sich zum Beispiel durch geschickte Mischung der vorhandenen Töne der Eindruck erwecken, die Orgel spiele einen Ton, für den sie gar keine Pfeife hat. Vielleicht ist es gerade diese Mischung aus Handwerk und Magie, die Zumbachs Herz seit eh und je höherschlagen lässt, wann immer er Hand an eine Orgel legt.

Im Grunde genommen ist Zumbach Autodidakt. «Es gibt schon Fachliteratur zu dem Thema, aber die Kunst des Drehorgelbaus ist eine halbe Geheimwissenschaft.» Durch viel Erfahrung hat er sein Hobby aber trotzdem zur Meisterschaft vollendet. Das sieht man etwa an der Drehorgel, die im Keller seines Hauses in seiner kleinen Werkstatt steht. «Ich merke gerade, dass ich da wieder was ändern muss», meint er, als er das makellose Stück der Walze einmal vorgespielt hat. Zumbach ist auch Perfektionist.

Mehrere Jahre Arbeit
An dieser Drehorgel hat er alles von Grund auf selbst gefertigt. Jede Schraube, jeder Beschlag, jede Intarsie stammt aus seiner Hand. «Ich weiss gar nicht mehr, wie viel Zeit ich in dieses Instrument gesteckt habe», winkt er lachend ab. Er lässt aber durchblicken, dass in dem reich verzierten kleinen Kasten mehrere Jahre Arbeit stecken. Der Drehorgelbau führt Zumbach aber nicht nur in die Abgeschiedenheit seiner Werkstatt, sondern auch immer wieder unters Volk. Etwa, wenn er seine Werke an Drehorgelfesten spielt und sich mit Gleichgesinnten austauscht. Auch in seinem Wohnzimmer steht ein beeindruckendes Exemplar seiner Handwerkskunst. Eine Zimmerorgel, ähnlich einer Kirchenorgel, aber auf die Dimensionen einer normalen Wohnung angepasst, beherrscht die Stirnseite seiner Stube. Sie ist ebenfalls komplett Marke Eigenbau. «Für mich ist Martin der beste Handwerker der Welt», gesteht seine Frau Louise Zumbach stolz. «Diese Leidenschaft lag schon immer in seiner Seele.»

Seine hochwertigen Unikate konnte er schon weit über die Schweiz hinaus verkaufen. So lieferte er schon Arbeiten nach Dänemark oder auf die Lofoten-Inseln. Finanziell war es aber nie möglich, diesem Handwerk hauptberuflich nachzugehen. «Das hätte ich immer sehr schön gefunden», gesteht Zumbach mit glänzenden Augen, «aber wenn ich mit meinen Arbeiten Krankenkassen, AHV und weiss Gott noch was alles hätte bezahlen müssen, wären sie unbezahlbar worden.» Ausserdem zweifelt er auch daran, dass ihm seine Arbeit heute immer noch so viel Freude bereiten würde, wenn er schon vor der Pensionierung nichts anderes gemacht hätte, als sich seinen Drehorgeln hinzugeben. Stattdessen hat er lange für die Zuger Wasserwerke gearbeitet. «Damals hatten wir noch Leute aus allen möglichen Fachrichtungen unter einem Dach, und ich konnte etwa vom Maschinenbauer lernen, wie man Metall bearbeitet», erinnert er sich. «Heute wird ja alles outgesourct.»

Nun, da er sich im Ruhestand befindet, konnte er endlich einiges an Orgelbau nachholen, das ihm vorher verwehrt geblieben war. «Die Routine ist noch da, aber man kann machen, was man will – man ist einfach nicht mehr so schnell wie früher.» Das Alter mache sich auch bei ihm bemerkbar. «Sich davor zu verschliessen, wäre eine Vogel-Strauss-Politik.» Und Zumbach scheint nicht die Art Mann zu sein, die sich solchen Illusionen hingibt.

Im Video verrät er einige Handgriffe
Mit einem eigenen Lehrbuch zum Orgelbau hat es bisher noch nicht geklappt. Obwohl ihn sein Verein der Schweizer Freunde der Mechanischen Musik gerne dazu bewegen möchte, sein Wissen an die nächste Generation weiterzugeben. «Aber um einen richtigen Lehrling auszubilden, muss erst einmal der richtige Mann dazu gefunden werden», meint Louise Zumbach skeptisch. Zum Glück hat er bereits ungefähr fünf Stunden Film­material, in dem er einige der Geheimnisse seiner Kunst lüftet und die einzelnen Handgriffe kommentiert. Bevor er jedoch ans Abtreten seiner Kunst denkt, stehen jetzt erst einmal die zwei neuen Walzen an, die ein Bekannter bei ihm fürs neue Jahr bestellt hat.

Artikel in der Zuger-Zeitung vom 24. Dezember 2016 - Mit Einwilligung der Redaktion - Herzlichen Dank!

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